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F  l  u  r  b  ä  u  m  e 

a l l e i n s t e h e n d   u n d   h e r v o r r a g e n d

Baum und Buch

Was haben Bücher und Bäume miteinander zu tun? Bäume liefern das Rohmaterial, aus dem der moderne Beschreibstoff gewonnen wird: Holz. Nachdem die Alten Sumerer bereits ab etwa 3200 v. Chr. ihre Keilschrift auf feuchten Ton geritzt hatten, waren es Ägypter, die ab etwa 2900 v. Chr. Schriftrollen aus Papyrus herstellten, die zwar nicht so haltbar wie die Tontafeln waren, aber deutlich handlicher. Der Legende nach wurde im westanatolischen Pergamon das Pergament erfunden, als die Ägypter ein Ausfuhrverbot ihres Papyrus dorthin verhängten. Pergament wurde aus Tierhäuten hergestellt und war entsprechend teuer. 


Es war in den Schreibstuben der Klöster des europäischen Mittelalters hindurch der gängige Beschreibstoff, ehe es ab dem 14. Jahrhundert nach und nach von Papier abgelöst wurde. Papier war bereits im Jahre 105 n. Chr. in China erfunden worden. Hauptbestandteile des chinesischen Papiers waren Seidenabfälle, Lumpen, Hanf und Baumrinden. Auch in Europa waren Flachs- und Hanffasern sowie Hadern die wesentlichen Papierbestandteile. Als es ab dem 18. Jahrhundert zu Lieferengpässen für Hadern kam, suchte man nach alternativen Stoffen für die Papierherstellung.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Papier erstmals aus Holzschliff hergestellt, was den Rohstoffmangel erheblich milderte, auf Lumpen konnte aber noch nicht gänzlich verzichtet werden. Heute wird Papier zu 95% aus Holz hergestellt, wobei insbesondere Nadelhölzer wie Fichte, Tanne, Kiefer und Lärche verarbeitet werden, aber auch Laubhölzer wie Birke, Pappel, Eukalyptus und Buche finden Verwendung. 

Mit der zuletzt genannten Buche haben wir ein weiteres Verbindungsglied zwischen Büchern und Bäumen. Die Wörter Buch und Buche waren schon im Althochdeutschen verwandt, die Buche hieß buohha, das Buch buoh und der Buchstabe buohstab. Schon damals haben sich Natur und Kultur – wie heute auf unserer Website – ineinander verflochten. Ein Buch war ursprünglich eine Schreibtafel aus Holz, und das Wort für den Baum, aus dem sie gefertigt wurde, gab dem Beschreibstoff den Namen. Auch wurden zur Zeit der Pergamentverwendung die Buchdeckel weiterhin aus Holz gefertigt, vornehmlich aus Buchenholz.

Eine größere Sammlung von Büchern bezeichnet man als Bibliothek. Dieser Begriff stammt aus dem Griechischen und meint wörtlich „Buch-Aufbewahrungsort“ (biblion = Buch, theke = Behälter, Aufbewahrungsort). Eine ganz besondere Form der Bibliothek ist die Xylothek (xylo = Holz), womit eine Holzbibliothek gemeint ist.


Eine der schönsten und größten Holzbibliotheken ist die Xylothek Schildbach im Naturkundemuseum der Stadt Kassel. Sie wurde Ende des 18. Jahrhunderts von Carl Schildbach angelegt. Schildbach war Menagerieverwalter des Landgrafen Friedrich II. in Kassel. Seine Holzbibliothek umfasst 530 einzelne Bücher. Das Äußere der Bücher besteht aus Holz und Rinde eines Baumes, im hohlen Innern findet man getrocknete Zweige, Blätter, Blüten und Früchte derselben Spezies. Auf dem aus der Rinde gefertigten Buchrücken kleben Schildchen mit verblasster Schrift, die Auskunft über den deutschen und lateinischen Namen der Pflanzen geben. Auf die Innenseite des Schiebedeckels hat Schildbach einen Beschreibungszettel geklebt, der über das Verbreitungsgebiet informiert, über die Wuchshöhe, die Anordnung der Äste, die Beschaffenheit der Wurzeln und Rinden, das Aussehen der Blätter, über den Geruch der Blüten und vieles mehr. So erhält man einen Überblick über die Vielfalt der Bäume und Sträucher in Hessen im ausgehenden 18. Jahrhundert.

Die Schildbachsche Holzbibliothek war vermutlich die erste ihrer Art überhaupt und diente als Vorbild für viele Nachfolger. Die auf dieser Website verzeichneten Baumarten findet man zum größten Teil auch in Schildbachs Sammlung, nicht aber Lawsons Scheinzypresse, Rotesche, Stechfichte, Trauerweide, Palus potentiae und Ventus alatus.


Udo Fedderies



Die Bilder entstanden in der Kasseler Holzbibliothek.